Das Internet ist mehr als nur WWW

Grundfrage:

Was das Internet ist (eine Sammlung von vielen vernetzten Computern) ist recht einfach. Doch viele Leute verwechseln "das Internet" immer noch mit dem World Wide Web "WWW", also den Webseiten, die sie besuchen. Das Internet besteht aber aus viel mehr als nur Webseiten. Was schlummert also alles unter der Oberfläche?



Kurzfassung für eilige Leser:

Viele anderen Internet-Dienste sind über einen Browser bedienbar. Die für Anwender wichtigsten Internet-Dienste sind heutzutage WWW (Webseiten), E-Mail, Video-Streaming und zunehmend reine Datendienste wie z.B. Wetterinformationen für Apps. Da viele dieser Dienste über einen Browser erreichbar und bedienbar sind wirkt es aber so, als ob das Internet nur aus Webseiten bestehen würde.


Langfassung für wirklich Interessierte:

Historie

Das Internet ist - auf das Tempo des techn. Fortschritts bezogen - schon recht alt, die ersten vernetzten Computer gab es bereits 1969. Als erste Aufgabe hatte das Internet damals nicht das Anzeigen von Webseiten sondern Datenaustausch-Möglichkeit zwischen Universitäten und anderen Einrichtungen. Wichtigster Dienst im damals noch "ARPANET" genannten Netz war E-Mail. In Datenvolumen gerechnet war E-Mail 1971 wichtiger als alle anderen Datenübertragungen zusammen.

Die Grundlage des heutigen Internets, wie es die Anwender kennen, wurde erst in den frühen 80ern gelegt. Zu diesem Zeitpunkt kamen erstmals die heute wichtigsten Daten-Protokolle zum Einsatz. Darunter fällt vor allem "IP" (Internet Protocol), das den Namen "Internet" geprägt hat. Vor Allem das 1984 entwickelte Domain Name System (DNS) sorgt heutzutage dafür, dass wir (menschen-)lesbare Internet-Adressen in den Browser tippen können statt uns mit kryptischen Zahlenkolonnen herumschlagen zu müssen.


Nachrichten und Diskussionen

Noch bevor die ersten Webseiten entstanden - mehr dazu später - entstand das sog. "Usenet", das sich schnell zum wichtigsten Internet-Dienst entwickelte. Im Kern ist das Usenet nichts anders als eine interaktive Zeitung. Man kann Texte schreiben und veröffentlichen, jeder Usenet-Anwender konnte darauf antworten (analog zum Leserbrief), auf die wiederum geantwortet werden konnte. Daraus entstanden sehr schnell Konversationen, die - anders als bei den damals üblichen Medien - sehr schnell stattfinden konnten.

Eine wichtige Funktion war dabei, dass jeder Teilaspekt einer Frage oder einer Aussage individuell vom Haupttext weiter diskutiert werden konnte. Die Unterteilung des Usenets in Themen stellt dabei sicher, dass man sich mit Fachleuten und Gleichgesinnten austauschen konnte, man abonnierte einfach interessante Themen und bekam nur die entspr. Texte zu sehen.

Das Usenet existiert heute immer noch, fristet aber ein Schattendasein. Da es ein eigener Datendienst ist, braucht man dazu ein eigenes Programm, es gibt allerdings ein paar wenige Webseiten, die versuchen, eine Browser-taugliche Bedienung zu ermöglichen. Mit dem Siegeszug der interaktiven Webseiten wurde es v.a. durch sog. "Foren" ersetzt, die zwar deutlich eingeschränkter, dafür aber leichter benutzbar waren.

Webseiten

Es sollte bis 1991 - also 20 Jahre nach der Geburt des Internets - dauern, bis das World Wide Web mithilfe von Tim Berners-Lee entstand. Er entwickelte einen sog. Hypertext-Dienst für das Internet, der bis heute die Grundlage aller Webseiten darstellt. Der erste Internet-Browser "MOSAIC" entstand 1993 und läutete den Aufbruch der Massen ins Internet ein.

War das weltweite Netz bis dato aufgrund der Komplexität der Benutzung recht exklusiv für Experten und technisch Interessierte, so konnte nun jeder mit einem einfach zu benutzenden Programm die rasant wachsende Welt der Webseiten erkunden. Der Browser war seitdem das Rückgrat des Internets.  Schrittweise wurden die verschiedenen Dienste im Internet vom Browser unterstützt, so dass man nun nicht mehr Kommandozeilen oder separate Programme brauchte. 

Wenn der Volksmund also "das Internet" und damit eigentlich "Webseiten" meint zeigt das nur die Spitze des großen Eisbergs. In Technologie-Zyklen gerechnet ist das Internet mit 25 Jahren Internet schon alt - man muss sich nur die ersten Browser ansehen um das zu sehen - dieser Zeitraum hat aber ausgereicht, unserer Welt fundamental zu verändern.

Dienste (Protokolle)

Die verschiedenen Dienste im Internet funktionieren vollkommen unterschiedlich. E-Mail und Video-Streaming verwenden beispielsweise vollkommen andere Datenströme (Protokolle), bauen aber im Kern alle auf den grundlegende Protokollen des Internets auf.  Obwohl damals niemand mit den heutigen Möglichkeiten rechnen konnte, ist das Internet so flexibel aufgebaut, dass all diese Dienste heute möglich sind. 

Aber was gibt es denn nun alles in Internet ist, das nicht Webseite - also WWW - ist?
Hier eine kurze Liste von Diensten, die Anwender - bewusst oder unbewusst - verwenden:

E-Mail
Der Klassiker unter den Diensten. Obwohl heute viele Leute Apps oder Webseiten zum Schreiben und Lesen von Mails verwenden, so verwendet E-Mail nicht das HTTP-Protokoll (auf dem die Webseiten basieren) sondern SMTP (Simple Mail Transport Protocol).

FTP
Das File Transfer Protocol (FTP) ist spezifisch dafür gedacht, große Datenmengen effizient zu übertragen. Ein FTP Download ist gegenüber einem Browser-Download effizienter und damit schneller. FTP ist wie E-Mail schon recht alt (1985) und wer einer der Kerndienste im frühen Internet.

NTP
Das Network Time Protocol (NTP) hält sich im Hintergrund, ist aber trotz seiner Schlichtheit eine wichtige Einrichtung. ITS übermittelt ein standardisiertes Zeitsignal (analog zu dem Funksignal für Digitaluhren) und sorgt so dafür, dass Computer, Handys und andere internetfähige Geräte synchron sind. Alle wichtigen Betriebssysteme holen sich in regelmäßigen Abständen die aktuellste Zeit, um sich im Falle einer Abweichung anzupassen. Auch spezielle Signale wie die Sommer- und Winterzeit-Umstellung kommen durch ITS.

VoIP
Voice over Internet Protocol (VoIP) ist kein eindeutiger Dienst sondern eher eine Sammlung von verschiedenen Diensten. Der bekannteste ist wohl Skype, der als erster Dienst für Internettelefonie dem klassischen Telefon Konkurrenz machte. In der Zwischenzeit ist unser Telefonnetz selbst fast komplett auf VoIP umgestellt - "echte" Telefonanschlüsse sind rar geworden. Mobile Kommunikation war übrigens immer schon auf VoIP festgelegt, hier gab es nie etwas Anderes.

RTSP
Das Real-Time Streaming Protocol (RTSP) kümmert sich im Internet um alle Multimedia-Daten, die man live erleben kann. Darunter fallen Internet-Radio und Live-Übertragungen von Theater- und Sportveranstaltungen. Bei der Fußball-WM 2014 haben allein 24 Mio Zuschauer die Spiele live im Internet statt am Fernseher verfolgt. In der Online-Spiele-Szene sind Live-Übertragungen ebenfalls sehr populär, die letzte Computerspiel-Meisterschaft verfolgten 8.5 Mio Fans am PC.
Die bekannten Online-Videotheken arbeiten ebenfalls mit RTSP um den gemieteten Film innerhalb von Sekunden auf dem Fernseher zu zeigen. Müsste man den Film zunächst komplett herunterladen würde das je nach Internet-Verbindung mehrere Minuten bis Stunden dauern.

VoIP und RTSP werden im Internet soweit möglich priorisiert, d.h. gegenüber anderen Diensten wird die verfügbare Bandbreite immer zuerst diesen Diensten gegeben, um eine gute Qualität (Quality of Service - QoS) zu gewährleisten.

Fazit

Im Internet arbeiten viele verschiedene Dienste zusammen, die unseren Alltag im Netz bestimmen. Die Browser arbeiten zunehmend daran, diese Dienste zu unterstützen und unter einer Oberfläche zu vereinen. Alle modernen Browser sind zum Beispiel fähig Audio- und Video abzuspielen, auch die VoIP-Unterstützung wird zunehmend besser. Wo die Protokolle nicht direkt unterstützt werden helfen Webseiten als Oberfläche und Steuerung der komplexen Protokolle im Hintergrund, beispielsweise bei der Verwendungen von E-Mail oder für das Echtzeit-Videostreaming.



Weiterlesen?

Vom Speicher zum Verteiler. Die Geschichte des Internet

Weaving the Web: The Original Design and Ultimate Destiny of the World Wide Web (auf English)

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